Gummibärchentage

Nach 5 Wochen Australien und knapp 10.000 zurückgelegten Kilometern hieß es für uns am 19.02. "Bye bye Australia" und "Konnichiwa Tokyo".

 

Ich weiß, ich habe schon von vielen Städtchen geschrieben, die uns auf unserer Reise beeindruckt haben und ich hätte nicht gedacht, dass uns noch irgendetwas so flashen kann, dass wir einfach nur fassungslos sind. Vielleicht liegt es daran, dass Japan, Tokyo, nie zu meinen bevorzugten Reisezielen gehört hat und ich daher auch keinen Gedanken daran verschwendet habe, mich über dieses Land zu informieren. Also hatte ich auch keinerlei Erwartungen, und nur dank André, der schon immer einmal nach Japan wollte, wurde Tokyo überhaupt Teil unserer Weltreise. Im Nachhinein muss ich André danken, denn ohne ihn, wäre ich wohl nie nach Tokyo gekommen und hätte diese unglaubliche Stadt gesehen. Und weil die Stadt einfach schlicht und ergreifend zu aufregend war, um Zeit im Hotelzimmer zu verbringen, waren wir von früh bis spät in die Nacht auf den Beinen, um jeden Winkel zu erkunden. Und da ist das Schreiben zugegebenermaßen aus Zeitmangel ausnahmsweise ein klein wenig auf der Strecke geblieben. Nun aber: Eine kleine Stadtrundführung sowie ein Einblick in die japanische Kultur:

Tokyo ist… Mmhhh… Mit welchem Wort könnte man die größte Stadt der Welt am besten beschreiben? Sauber. Würde ich sagen. Obwohl sauber ein bisschen spießig klingt. Und altbacken. Und das ist Tokyo keinesfalls. Alles fing damit an, dass wir vor einer reichlichen Woche gelandet sind, ahnungslos die Passkontrolle passiert haben und uns mit der Kaisoku-Line nach 1 ½ Stunden Zugfahrt direkt ins Tokyoter Stadtleben katapultieren lassen haben. Alleine die Tatsache, dass der Narita Airport 66 km vom eigentlichen Stadtzentrum entfernt liegt und damit der am weitesten außerhalb gelegene Flughafen der Welt ist, lässt einen erahnen, welche Dimensionen diese Stadt hat. Der Bahnhof spuckte uns also mitten ins Großstadtleben – und wir tauchten ein, in die Welt von Sushi, Mangas und Maikos. Unser Hotel, in Chuo-ku, ca. 1,5 Kilometer nordöstlich des Kaiserpalastes, mitten im wirtschaftlichen Herzen der Stadt. Das Zimmer 10 m², unsere winzige Ruheoase, das Bett gerade mal 1,10 m breit, aber es ist alles da, was man braucht. Schon beim Check-In wird uns die immense Höflichkeit und Freundlichkeit der Japaner bewusst. Wir werden behandelt wie die Könige auf Staatsbesuch.

 

Unser Zimmer sollten wir dann jedoch nur noch wenig zu Gesicht bekommen, denn natürlich wollten wir die Stadt erkunden. Und wie macht man das bei der Größe am besten? Genau. Mit der U-Bahn. Wenn eines in Tokyo besonders auffallend ist, dann das hervorragende Verkehrssystem. Es gibt jeweils 2 große Metro- und Bahnanbieter, die jeweils unterschiedliche Strecken bedienen. Hat man sich einmal an den Fahrkartenautomaten durchgefitzt, ist es ganz einfach. Man schaut auf die Stadt-Karte, sucht sich seine geplante Zielstation, liest dort den Preis ab und füttert dann die Maschine mit den entsprechenden Yen-Beträgen. Und ab geht die Fahrt. Wir haben die gesamte Woche zur Genüge auf die U-Bahn zurückgegriffen, die Distanzen sind zu Fuß meistens einfach zu groß, und es ist eine wahre Freude, quer durch die Stadt zu fahren und die Einheimischen zu beobachten. Auch trotz der fast ausschließlichen Beschilderung in japanischen Schriftzeichen haben wir uns super zurecht gefunden. Meist sind wir glücklicherweise nicht in der Rush Hour gefahren, dennoch haben wir eine Ahnung davon bekommen, dass die Klischees stimmen und wie voll Waggons so werden können (so richtig mit plattgedrückten Gesichtern an der Scheibe). Auch das die Japaner im Zug schlafen (auch im Stehen!), stimmt. Wir haben uns dem Ganzen gleich mal gepflegt angeschlossen und auch öfters ein Nickerchen gemacht. Wenn man dann seine Station erreicht, wird man überrascht sein, wie groß ein unterirdischer Bahnhof sein kann – meist finden sich an jeder Station kleine Malls unter der Erde mit Geschäften, öffentlichen Toiletten und Restaurants. Dazu kommt, dass jede Station annähernd 10 Ausgänge in verschiedene Himmelsrichtungen hat, was die Orientierung zuweilen etwas schwierig erscheinen lässt. In einer der letzten Geo Special habe ich einen witzigen Satz gelesen: „Das Leben eines Tokyoters kommt dem eines Maulwurf gleich, den Großteil davon verbringt er in Röhren.“ Und tatsächlich ist der Platz in Tokyo gut genutzt, als befände sich unter der eigentlichen Stadt eine zweite. Und das keinesfalls anrüchig, wie zu Hause, wo sich in Unterführungen gerne mal Obdachlose herumtreiben. Im Gegenteil.

Rush Hour in der Tokyoter Metro
Rush Hour in der Tokyoter Metro

Wenn man dann doch irgendwann zurück ans Tageslicht kehrt und auf eine der belebten Straßen tritt, ist das erste, was einem auffällt, wie unfassbar sauber diese Stadt ist. Als könnte man in der abgelegensten, verwinkeltsten Gasse vom Fußboden essen. Nirgendwo liegt Müll, nicht mal Zigarettenstummel. Und das bei 16 Millionen Einwohnern! Wie machen die das? Unsere Freundin und ehemalige Kollegin Silvia, die seit 5 Jahren in Tokyo lebt, erklärt uns später, dass die Japaner einfach zu gut erzogen sind. „Nimm Deinen Müll mit Dir“ lautet die Devise und jeder hält sich daran. Wir erfahren von ihr noch viel Interessantes über die Einheimischen und die verschiedenen Viertel als wir uns am vergangenen Dienstag mit ihr in Shibuya treffen, dem hippsten Viertel der Stadt. Gleich vor dem Bahnhof die belebteste Kreuzung der Welt. Hier prallen Welten aufeinander. Business-People versus „Cute“-Teens. Ich bezeichne sie mal so. Zwei Menschengruppen in Tokyo, die das Stadtbild ganz gut wiedergeben. Auf der einen Seite die „Armee aus Anzugträgern“, wie Silvia sie nennt. Ganz in schwarz gekleidete, schwer gehetzt wirkende Leute im Business-Outfit. Alle gleich angezogen, die Männer im schwarzen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte, die Frauen im schwarzen Kostüm. Dagegen die Teenies. Hier lautet das Schönheitsideal in Japan „Cute“, nicht sexy oder hübsch. Niedlich! Ganz so wird sich auch gestylt. Die Mädchen tragen ultrakurze Röcke, dazu Kniestrümpfe und halsbrecherische Pumps. Die Haare auftouppiert, eine schwarze Brille (ohne Gläser!) ist der aktuelle Trend. Sie verkörpern den Schulmädchen-Look. Die Augen riesig gemalt, mit künstlichen Wimpern und geschminkt bis zum Umfallen. Das Ganze aber keinesfalls billig, im Gegenteil, alle kleiden sich sehr bewusst modisch, wir müssen selbst Sydney den Spitzenplatz der bestangezogensten Menschen aberkennen.

Promotion-Aktion in Shibuya
Promotion-Aktion in Shibuya

Aber zurück zur Kreuzung. Beschallt von dutzenden Leuchtreklamen und Werbetafeln, 6 Zebrastreifen. Es ist nicht wie bei uns, dass erst die eine und dann die andere Richtung grün bekommt, nein, es bekommen alle gleichzeitig. Die sich kreuzenden Straßen sind so breit wie die Champs-Elysées in Paris und alle vier Übergänge sind mit einem 30 Meter breiten Zebrastreifen gekennzeichnet. Die zwei anderen Übergänge laufen diagonal. Wenn die Ampeln auf Grün schalten, sind alle Übergänge für Fußgänger gleichzeitig freigeschaltet. Dann prallen ca. 1.000 Menschen aufeinander. Mindestens. So viel wie an einem Samstag auf der Prager Straße. Wer hier Platzangst hat, ist fehl am Platz. Wir lassen uns mit Silvia direkt ins nächste Sushi-Restaurant treiben – denn was wäre ein Japan-Besuch ohne Sushi?

Das Restaurant ist eines der beliebtesten in der Stadt, das Sushi fährt auf einem kleinen Laufband quer durch`s Restaurant und die Gäste sitzen drum herum. Wir werden platziert und können sofort zulangen. Die Teller sind unterschiedlich farbig markiert, um die entsprechenden Preise erkennbar zu machen. Ein Teller mit 2 Standard-Sushis kostet 120 Yen, macht 1,20 €. Dabei gibt es weniger Makis (Rollen) und Futo-Makis (große Rollen), wie wir es von zu Hause kennen, sondern fast ausschließlich Sashimi (kleine Reisbälle mit einer Scheibe rohem Fisch darauf). Um 20 Minuten im Restaurant sitzen bleiben zu dürfen, müssen wir jeder mindestens 7 Teller vertilgen (14 Sashimis). Hier geht es nach Zeit, denn die wenigen Plätze sind begehrt. Je mehr Teller man isst, desto länger darf man hier verweilen. Ist man fertig, wird man hinauskomplimentiert. Das Sushi ist überraschend mild, es gibt nur wenig Wasabi, dazu jedoch grünen Tee ohne Ende. Am besten geschmeckt hat uns das gegrillte Thunfisch-Steak. Silvia bestellt noch ein paar Makis, diese sind jedoch auch nur mit Gurke gefüllt. Kein Vergleich zu unserem Lieblings-Sushi-Restaurant zu Hause, wo es die Futo-Makis mit Frischkäse, Avocado, gegrillter Aal-Haut, Lachs, Gurke und Wasabi gibt. Dann bleiben wir lieber bei den leckeren Nudel-Suppen, die es an jeder Straßenecke für den Bruchteil des Geldes gibt.

Lecker Sushi!
Lecker Sushi!

Satt und zufrieden lassen wir uns also durch Shibuya treiben, mitten über die Takeshita dori (die beliebteste Straße der japanischen Jugend, hier gibt es alles von Plateau-Schuhen über halterlose Strümpfe bis hin zu kompletten Kostümen) zum Meji-Schrein, einer Ruheoase in mitten eines riesigen Stadtparks. Der Meji-Schrein, Tokyos berühmtester Schrein, wurde zu Ehren des berühmten Kaisers Meiji errichtet, der von 1868 bis 1912 regierte. Schon am Eingang treten wir durch das Torii, bestehend aus 3 Balken, die meist rot angemalt sind. Die Größe der Toriis ist dabei unterschiedlich, je nachdem wie wichtig der Schrein ist. Bevor wir jedoch den Schrein betreten dürfen, müssen wir uns reinigen. Mit einer Schöpfkelle entnimmt man einem Becken Wasser und wäscht sich damit die Hände und spült sich den Mund aus. In der japanischen Kultur gibt es zwei Religionen, den Shintoismus und den Buddhismus. Shinto ist die ursprüngliche Religion Japans. Noch bevor im 6. Jh. n. Chr. der Buddhismus aus China über Korea nach Japan kam, wurde in Japan das Shinto praktiziert. Ziel ist es, die Kami zu besänftigen und die Harmonie herzustellen. Zwischen beiden Religionen liegt auch der Unterschied zwischen Tempeln und Schreinen, Tempel sind buddhistisch, Schreine shintoistisch. Aber dazu später mehr. Der Shintoismus ist eine Art Schamanismus, hier werden die Geister, die Kami, die in allen Dingen wohnen, verehrt. Demzufolge sind die Japaner sehr abergläubisch und man kann seinem Glück mit allerhand Tricks auf die Sprünge helfen. So befindet sich in der Haupthalle ein Opferstock, in den man eine 5-Yen-Münze werfen kann, anschließend 2x in die Hände klatscht und sich etwas wünschen kann. Weiterhin kann man aus einer kleinen Box (nach kräftigem Schütteln) ein Stäbchen ziehen, auf dem eine Nummer vermerkt ist. Für seine jeweilige Nummer bekommt man einen Glückszettel, auf dem für verschiedene Dinge des Lebens (Geld, Familie, Arbeit usw.) eine Vorhersage geschrieben steht. Ist man mit seinem Schicksal zufrieden, kann man sich den Zettel mit nach Hause nehmen und sich daran erfreuen. Wer es allerdings nicht ist, knotet seinen Papierstreifen an einen Baum im Schrein und die Schreingottheit nimmt sich seines Unglücks an. Es kann also, welche Vorhersage man auch zieht, eigentlich nichts schief gehen. Am schönsten ist der Brauch der omamori, kleine Holztäfelchen, auf die man seine Wünsche schreiben kann (keine materiellen) und diese anschl. an eine Wand hängt. Diese Tafeln werden dann in regelmäßigen Abständen in einer feierlichen Zeremonie verbrannt und die Wünsche sollen in Erfüllung gehen. Außerdem kann man sich aus jedem Schrein Glücks-Anhänger, z.B. für gute Gesundheit, gute Reise etc. mitnehmen. Natürlich werfen auch wir eine Münze und beschreiben eine Glückstafel. Auf der Vorderseite ist ein kleiner Hase abgebildet (2011 ist das Jahr des Hasen, wie man überall in Tokyo sehen kann). Dann werden wir freundlich aber bestimmt aufgefordert, zu gehen, der Schrein schließt um 17 Uhr.

Die omamori
Die omamori

Wir fahren weiter mit der U-Bahn nach Shinjuku. Shinjuku ist eines der modernsten Viertel und Sitz des Rathauses. Dort führt uns auch unser erster Gang hin, denn ganz oben in den beiden Türmen befinden sich Aussichtsterrassen, von denen man einen Blick über die Stadt genießen kann. Der Eintritt ist frei und nach einer kurzen Taschenkontrolle fahren wir mit dem Lift in den 45. Stock. Silvia treibt uns zur Eile, ist die Sonne doch gerade untergegangen und wir wollen noch etwas von der blauen Stunde haben. Und tatsächlich, als wir oben ankommen und ans Fenster treten, sehen wir in der Ferne tatsächlich noch die Spitze des Mt. Fujis. In der Regel ist der Berg aufgrund der Luftverschmutzung und des Smogs nur selten zu sehen, nur an klaren Wintertagen, wie heute, hat man Glück. Wow. Wir sehen den spitzen Kegel aus einer riesigen Wolke emporragen, der Vulkan ist 3.776 Meter hoch und zuletzt im Jahr 1707 ausgebrochen. Aber auch sonst ist der Ausblick von hier oben fantastisch. Bis zum Horizont erstreckt sich auf allen Seiten ein Meer aus Lichtern, um uns herum stehen noch die höchsten Gebäude der Stadt (Tokyo darf aufgrund der anhaltenden Erdbeben-Gefahr keine riesigen Hochhäuser bauen, immer wieder kommt es aufgrund der Lage an der Eurasischen Platte zu mehr oder weniger starken Beben, auch wir hatten in unserer letzten Nacht sogar ein kleines Erdbeben!), weiter hinaus wird uns die ganze Größe der Stadt erst richtig bewusst. Hat die Stadt „nur“ 16 Millionen Einwohner, fast der gesamte Ballungsraum Tokyo-Yokohama um die 37 Millionen! Tokyo selbst sind eigentlich einfach nur mehrere Städte, die im Laufe der Zeit zusammengewachsen sind. Wir verbringen über eine Stunde auf dem Rathaus-Turm und drücken uns die Nasen an den Fenstern platt, so schön ist der Anblick.

Tokyo bei Nacht von oben
Tokyo bei Nacht von oben

Unser Rückweg verläuft direkt durch die Shinjuku-Station, den verkehrsreichsten Bahnhof der Welt. Gemessen an den Passagieren erreicht er mit drei Million pro Tag die Tagesauslastung des gesamten Metronetzes von Paris. Silvia hatte uns schon vorgewarnt, dass die Orientierung hier besonders schwierig werden würde und tatsächlich verlaufen wir uns natürlich als erstes. Aber das ist keine Schande in Tokyo. Selbst Silvia, die seit 5 Jahren hier lebt, hat immernoch Orientierungsschwierigkeiten. Und auch die Tokyoter verlaufen sich regelmäßig. Der Grundriss ist einfach zu kompliziert. Man hat nicht einfach einen Nord-, Süd-, Ost- und Westausgang sondern an die 50, welche kreuz und quer auf mehreren Etagen verlaufen. Immer wieder laufen wir um verschiedene Ecken, um dann in einer Sackgasse zu landen und umdrehen zu müssen. Der Bahnhof ist gleichzeitig eine riesige Shopping-Mall mit allen Nobeldesignern, angefangen von Gucci über Louis Vuitton bis hin zu Prada. Dazwischen wieder Restaurants, Blumenläden, Bäcker und andere Geschäfte. Nach einer halben Ewigkeit finden wir endlich den richtigen Ausgang und können die Gleise unterqueren.

Studio Alta - der Times Sqare Tokyos
Studio Alta - der Times Sqare Tokyos

So gelangen wir schließlich direkt nach Kabuki-cho, dem Rotlichtviertel der Stadt. Den Eingang markiert das Studio Alta, der Times Square Tokyos. Als hätten wir in dieser Stadt nicht schon genug Leuchtreklame gesehen, blinkt und schallt es hier noch bunter und lauter als in Shibuya. Wir suchen uns zunächst ein kleines Restaurant für das Abendessen, Silvia bestellt für uns auf Japanisch Reis mit Hühnchen, Salat und Suppe, André entscheidet sich für ein koreanisches Menü. Die Plätze sind gut gefüllt und wir bekommen gerade so noch einen 3er-Tisch. Man reicht uns grünen Tee und Wasser (beides ist in Japan kostenlos im Essen inkludiert) und schon kurze Zeit später kommen die riesigen Tabletts mit dem dampfenden Essen. Wie alles, was wir bisher gegessen haben, ist es einfach köstlich, wir können gar nicht genug von der japanischen Küche bekommen und es ist toll, einfach verschiedene Sachen zu bestellen und zu kosten. Meistens sind die Karten eh nur in Japanisch und mit Fotos, so dass wir in der Regel nicht wissen, was wir da bestellen, aber immer schmeckt es hervorragend. Die Japaner essen viel Schwein, meist in hauchdünne Scheiben geschnitten, gerne in einer Suppe mit Nudeln. Generell gibt es häufig Menüs, dabei ist immer ein kleiner Rohkost-Salat und eine klare Gemüsesuppe. Und das Ganze für 10 €! Natürlich sind die Restaurant-Preise in Tokyo nach oben hin offen (im teuersten Lokal der Stadt fangen die Gerichte ab 600€ an!). Laut Geo Special hat Tokyo die besten Restaurants der Welt und „keine Stadt riecht so verführerisch“. Tatsächlich duftet es überall nach gebratenen Nudeln und Suppe.

Unsere Lieblingsbeschäftigung in Tokyo - Essen - hier mit unserer Stadtführerin Silvia, die uns die japanische Kultur ganz nahe gebracht hat
Unsere Lieblingsbeschäftigung in Tokyo - Essen - hier mit unserer Stadtführerin Silvia, die uns die japanische Kultur ganz nahe gebracht hat

Frisch gestärkt sind wir nun bereit, die „sündige“ Meile Tokyos zu erkunden. Mittlerweile ist es richtig dunkel, doch die beleuchteten Werbetafeln und Schriftzeichen an den Eingängen verbreiten ein beinahe taghelles Licht. Silvia weist uns in die verschiedenen Etablissements ein, es gibt unzählige „Adult-Shops“ (;-) – Erotik-Stores), Kinos, Nachtclubs und Massagesalons… Es versteht sich von selbst, dass die Massagen hier von der etwas anderen Art sind. Besonders krass sind die sogenannten Host-Clubs. Diese gibt es für Männer als auch für Frauen. Man betritt den Club und sucht sich bereits am Eingang von einer Fototafel den gewünschten Mann, bzw. die gewünschte Frau aus und bezahlt dann stundenweise, um sich mit ihnen zu unterhalten. Kein Witz. Die Japaner bezahlen Geld dafür, dass sie sich mit einer hübschen, attraktiven Person unterhalten können! Ist man sich dann doch sympathischer, kann man einfach in ein „Love-Hotel“ gehen, diese vermieten die Zimmer stundenweise bis zu einer ganzen Nacht. Dazu findet sich im Eingangsbereich keine hotelübliche Lobby mit Rezeption, sondern eine Automatenwand. Dort sind die Fotos der vorhandenen Zimmer abgebildet, inklusive des Preises. Hat man sich für ein Zimmer entschieden, wirft man einfach das Geld in den Automaten und bekommt daraufhin den Zimmerschlüssel. So ist alles ganz anonym, es gibt sogar getrennte Ein- und Ausgänge. Als wir mal vorsichtig in eines der Hotels reinlinsen, ist nur noch 1 Zimmer (!) verfügbar!!! In den beliebten Spielkasinos stehen witzige Fotoautomaten. Hier kann man sich für 500 Yen fotografieren lassen und anschließend seine Fotos digital selbst retuschieren (längere Wimpern, Herzchen etc.). Die Augen werden bereits automatisch vergrößert, als wir das Ergebnis schließlich ausgedruckt in der Hand halten, sehen André und ich wie aus einem Manga-Comic entsprungen aus.

Als wir uns gegen 23 Uhr schließlich von Silvia verabschieden, sind immernoch Menschenmassen auf der Straße unterwegs. In der U-Bahn ist jetzt richtige Rush-Hour, die Japaner arbeiten in der Regel bis um elf Uhr abends (von 8 oder 9 Uhr morgens!). Es ziemt sich nicht, vor dem Chef nach Hause zu gehen, und da die Arbeitsmoral in Japan extrem hoch ist, und nichts das Ansehen der Firma gefährden darf, verzichten Japaner sogar auf den Großteil ihres Jahresurlaubs und arbeiten eben um die 15 Stunden am Tag. Unsere Füße qualmen vom vielen Laufen, so wird es uns die ganze Woche ergehen, wir gehen zeitig aus dem Haus und kommen meist gegen Mitternacht zurück.

 

Gleich gegenüber von unserem Hotel haben wir ein kleines hübsches Café mit leckerem Cheese-Cake und Café Latte. Jeden Morgen frühstücken wir dort erst einmal und staunen über die Höflichkeit der Bedienungen. Silvia sagt, in Japan sei der Kunde Gott und tatsächlich würde man hier niemals in einem Geschäft oder Restaurant ein unfreundliches Gesicht der Bedienung sehen. Betritt man ein Geschäft, so wird man höflich in Empfang genommen, alles wird einem gebracht, man muss nichts selbst holen oder wegräumen. Es wird alles unternommen, damit sich der Kunde wohl fühlt. Hat man am Ende dann tatsächlich etwas erworben, wird das Gekaufte liebevoll verpackt und einem zur Tür getragen, wo sich der Verkäufer fast bis zum Fußboden vor einem verneigt und sich tausendmal bedankt. Beim Verbeugen kommt es sonst eigentlich darauf an, wie hoch der Gegenüber gestellt ist, je höher, desto tiefer ist die Verbeugung und dabei muss der Rücken kerzengerade sein und man darf dem Gegenüber nicht in die Augen schauen. Es gehört zur japanischen Höflichkeit, sich selbst und die Dinge, die man übergibt, abzuwerten. Beim Zahlen wird das Geld nicht in die Hand des Angestellten an der Kasse übergeben, sondern auf ein kleines Holztablett gelegt. Genauso wird mit dem Rückgeld verfahren, oder aber der Verkäufer gibt einem das Geld direkt in die Hand. Das geschieht dann äußerst zeremoniell, der Kunde streckt die offene Hand aus, der Verkäufer legt offen seine linke Hand wiederum unter die Hand des Kunden und mit der rechten übergibt er das Rückgeld. Dieses wird auch noch einmal vor den Augen des Kunden nachgezählt. Auf die Idee, den Kunden übers Ohr zu hauen, kommt hier keiner. Und selbst wenn es passieren sollte, so geschieht es eher zu Gunsten des Kunden. Die Japaner sind so ehrlich, dass es kaum Taschendiebstähle und andere Verbrechen gibt. Ganz selbstverständlich achtet man auf seine Sachen und die des Gegenüber oder Nebenmannes.

Jana in der überfüllten U-Bahn
Jana in der überfüllten U-Bahn

Was kann man sonst noch über Tokyo sagen? Okay, wer das traditionelle Japan sucht, der muss definitiv nach Kyoto fahren. Zum Vergleich: In Tokyo stehen knapp 400 Tempel. In Kyoto ca. 1200. Tokyo ist nicht wirklich Japan, Tokyo sind Hochhäuser, dichter Verkehr, U-Bahnen, überfüllte Straßen, Shoppingmalls, Menschen auf engstem Raum – und dennoch findet man mitten im Großstadtdschungel plötzlich einen winzigen Schrein, eine Oase der Ruhe in mitten von Lärm und Hektik. Oder Parks, in denen Menschen meditieren oder Tennis spielen. Generell ist alles wahnsinnig gut organisiert und die Japaner lieben es, sich an Regeln zu halten. Ein Japaner würde glaube ich nie laut schreien, obwohl sich oftmals tausende Menschen an einem Ort befinden, sprechen alle leise. Die meisten Japaner (ausgenommen der Teenager) wollen um keinen Preis unangenehm auffallen. Sich der Masse anpassen, im Strom mitschwimmen, darin sind Japaner Meister.


Und am schönsten ist Tokyo natürlich bei Nacht. Dann, wenn die Sonne untergegangen ist und die Lichter angehen. Überall. Straßenzüge, so groß wie ganz Dresden blinken und leuchten. Besonders schön ist es abends in Ginza, dem Shoppingviertel. Hier reiht sich ein Designer-Store am anderen und alleine die Schaufenster-Dekoration lohnt einen Bummel, auch wenn die meisten Geschäfte wohl das Budget des Ottonormalverbrauchers übersteigen. Hier wollten wir eines Abends in einem kleinen Restaurant essen, angeblich sollte es dort die besten Nudeln der Stadt geben (laut Empfehlung unseres Reiseführers). Nach einer knappen Stunde suchen, haben wir es irgendwann aufgegeben, bzw. wurde uns gesagt, dass es nicht mehr existiert. Und das, nach dem wir wirklich ewig herumgeirrt sind und in 3 verschiedenen Läden nach dem Weg gefragt haben. Eine bestimmte Adresse in Tokyo zu finden, ist unmöglich. Nur die Hauptstraßen haben Namen und die Hausnummern bestehen aus 3 Nummernfolgen, je nach Bezirk, Straße und Haus. Dabei sind die Japaner sehr hilfsbereit. Fragst Du sie nach dem Weg, zeichnen sie gerne Karten oder erklären wild gestikulierend den Weg. Meist begleiten sie Dich auch noch ein Stück, damit Du auch wirklich den richtigen Weg findest. In unserem Fall wurde das Restaurant gleich gegoogelt und uns der Stadtplan mit der eingezeichneten Adresse ausgedruckt. Nur hat das leider trotzdem nicht geholfen. Restaurants ziehen ständig um, schließen, wechseln den Betreiber… In Tokyo wird altes schnell ausrangiert und einfach durch Neues ersetzt. Demzufolge gibt es auch fast keine alte Bausubstanz.

Shoppingparadies Ginza
Shoppingparadies Ginza

Wer sich dann doch auf die Suche nach etwas Traditionellem machen will, kann im Herzen der Stadt den Palastgarten besuchen und so dem Kaiserpalast ganz nahe kommen oder nach Asakusa fahren. Von der kaiserlichen Familie bekommt man nicht viel mit, aber der Palastgarten ist ein Traum. Feinste japanische Garten-Architektur, Bonsai-Bäume, kleine Teiche, und natürlich Kirschbäume en masse. Wir hatten natürlich das Glück, dass gerade die ersten begonnen haben, zu blühen. Alleine das war so ein wunderschönes Farbenspiel, dass ich verstehen kann, warum die Japaner so besessen von ihrer Kirschblüte sind. Wenn irgendwann Ende März/Anfang April alle Bäume in voller Blüte stehen, muss das ein unvergesslicher Anblick sein.

Gebäude am Kaiserpalast
Gebäude am Kaiserpalast

Circa eine Viertelstunde von uns mit der Metro entfernt, ist Asakusa. Hier steht der älteste und bedeutendste Tempel Tokyos, der Senso-ji Tempel. Wie bereits erwähnt, sind die Tempel buddhistisch und meist etwas farbenfroher als die Schreine. Den Senso-Tempel kann man gar nicht verfehlen, man läuft nämlich nach Passierung des Donnertores einen knappen Kilometer vorher schon auf einer Touristen-Meile darauf zu. Hier gibt es allen möglichen und unmöglichen Schnickschnack zu kaufen, von der Winkekatze über aufziehbare Plüschhunde, Fächer, Kimonos und und und. Marktschreier stehen auf Klappleitern vor ihren Läden und rufen lauthals ihren Schlussverkauf aus. Selbstverständlich ist immer und überall alles „on sale“. Je mehr Kunden anstehen, desto lauter schreit der Verkäufer. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Laden gut läuft. Ein Graus für uns, empfinden wir das hier überhaupt nicht als das Tokyo, was wir bisher kennengelernt haben. Bevor wir in Richtung Hauptgebäude gehen, gibt es hier ein Becken mit Räucherstäbchen. Der Rauch ist heilig und wir beobachten die Einheimischen, wie sie sich den Rauch zufächeln und sich danach mit den Händen über das Gesicht und die Haare streifen. Links vom Tempel steht eine 5-stöckige Pagode aus dunklem Holz. Im eigentlichen Tempel gibt es dann ebenfalls einen Opferstock. Obwohl der Tempel wunderschön ist, nehmen wir doch schnell wieder reißaus, hier ist uns alles ein wenig zu touristisch.

Senso-ji Tempel in Asakusa
Senso-ji Tempel in Asakusa

Dann doch lieber wieder Shibuya, wo wir die meiste Zeit unserer Tokyo-Woche verbringen. Hier gibt es einfach so viel zu sehen. Zum Beispiel das Kaufhaus 109, ein Einkaufsparadies für die Einheimischen Jugendlichen. Allein schon die gestylten Verkäuferinnen sind es wert, die 8 Etagen anzusehen. Hier gibt es Klamotten, die habe ich noch nirgendwo auf der Welt gesehen! Oder die riesigen Elektronik-Stores, die alles an aktueller Hard- und Software zu bieten haben. Zwar könnte man hier auch nach Akihabara fahren, die Elektromeile der Stadt, aber selbst Shibuya hat hier genügend Angebote. Ein Muss eines jeden Tokyo-Besuchs ist ein Besuch eines Department stores, hier gibt es einfach alles, vom Vibrator über Waschmaschinen, Faschingskostüme, Büroartikel, Lebensmittel, Kochtöpfe, Krawatten bis hin zu Fahrrädern, Skateboards und Einrichtungsgegen-ständen. Dabei ist kein vernünftiges Lagersystem zu erkennen, alle Waren stehen kreuz und quer und die Gänge sind derartig zugestopft mit Artikeln, dass man kaum noch treten kann. Unfassbar. Alleine in einem solchen Store verbringen wir über eine Stunde und uns fallen beinahe die Augen aus dem Kopf, so komplett verrückt ist das Warensortiment. Und wenn man dann genug hat, kehrt man in eine der gemütlichen Suppenbars ein. Wie das Haikara Syokudou. Hier gibt es Andrés neue Lieblingssuppe, eine Art Chili-Suppe mit Hack, Sojasprossen und Nudeln. Die hat André ganze 4x verdrückt (3x an einem Tag!).

André schwer beschäftigt mit seiner Lieblingssuppe
André schwer beschäftigt mit seiner Lieblingssuppe

Das einzige, was ich in Tokyo schmerzlich vermisst habe, ist eine richtige Karaoke-Bar. Das heißt, es gibt schon viele Karaoke-Lokale, allerdings ist es in Japan eher üblich, mit seinem Besuch dahin zu gehen, man bekommt einen eigenen Raum und feiert dann nur innerhalb seiner Gruppe. Da es in Japan unüblich ist, Besuch zu sich nach Hause einzuladen, gehört Karaoke neben einem gepflegten Abendessen zum Gastprogramm. Dabei sind Japaner unglaublich spendabel. Der Gast muss nie zahlen, auch wenn die Rechnung schon mal um die 500,- € kostet.


Alles in Allem ist Tokyo Deutschland in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Es gibt Bier und Würstchen, Blumenrabatten mit Stiefmütterchen, Hyazinthen und Osterglocken. In einem Bäcker, ein paar Straßen von unserem Hotel entfernt, gab es sogar Pfannkuchen und richtiges Schwarzbrot (man konnte hier tatsächlich alle Backwaren verkosten!). Die Menschen sind sehr ordnungsliebend, ehrgeizig und zielstrebig. Manchmal könnte man glatt glauben, man sei zu Hause, bis einem dann doch wieder an irgendeiner Ecke der Geruch von leckerer Nudelsuppe und Sojasauce um die Nase weht oder man geblendet vor einer riesigen Wand mit Leuchtmonitoren steht. Vielleicht, oder gerade deshalb, hat uns Tokyo so gut gefallen. Ein Stück Europa, weit weg von zu Hause, gespickt mit asiatischer Religion und den nettesten Menschen der Welt. Oder um es mit Andrés Worten und seinem riesigen, breiten Grinsen zu sagen: „Ich habe gerade irgendwie einen Gummibärchen-Tag!“

 

Noch mehr Fotos von Tokyo gibt`s hier:

http://wirsinddannmalunterwegs.jimdo.com/fotogalerie/japan/

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Kommentare: 2
  • #1

    Jonas (Freitag, 04 März 2011 14:02)

    Boah Jana, Mega-Bericht!
    Nur Kohle zahlen um mit heißen Weibern zu quatschen ist uncool ;-)

    Grüße aus dem frühlingshaften Dresden
    Jonas

    P.S.: Dynamo hat am letzten WE 2:1 bei Bayern Amateuren gewonnen... sie schielen schon wieder nach oben. Morgen Spiel gegen Wiesbaden, ganz entscheidend, da die auch oben mitmischen. Drückt die Daumen!

  • #2

    Jonas' Anhang ;-) (Dienstag, 08 März 2011 08:53)

    Da bekommt man doch irgendwie einen Kulturschock, was? :-)
    Ich glaube ich bin ziemlich froh, dass bei uns noch etwas andere Sitten herrschen. Überstunden sind ja okay, aber ständig so lange zu bleiben wie mancher Chef... Nee, da will ich doch liebr hier bleiben.

    Mir ist aufgefallen, dass der Spitzname unseres Hundes Kami ist. Na wenn das kein Zeichen ist! Unser Jackson vertreibt also die bösen Geister.
    Ich wusste schon, warum ich unbedingt wieder einen Hund haben wollte :-)) ha ha